Ein Lebenstraum von Nord nach Süd

Vier Tage, drei Pässe, 3200HM…

Heute ist Ruhetag, richtig echter Ruhetag! Draußen hängen die Wolken niedrig, es ist windig bei ungefähr 8°C und es regnet immer wieder ein bisschen. Bereits gestern hatte das Wetter und die leeren Beine schon dringend für diesen Faulenztag plädiert und so sitzen wir die meiste Zeit des Tages in einer 2*3m Gemeinschaftsküche auf dem -komplett leeren- Campingplatz Svensby und faulenzen. Vermutlich ist es spannender, wenn wir vier Tage zurückspringen:

Der letzte Blogeintrag stammt noch aus Alta mit tropfender Nase, das wir am Donnerstag, 12.05. mit vollbepacktem Pino verlassen haben. Die Campingplatzbetreiber wollten unbedingt noch ein Foto mit uns und vollem Kampfgepäck machen und so radeln wir noch eine Platzrunde fürs Archiv und gewöhnen unsere Beine wieder an die Pedalbewegung.

Die Strecke in Richtung Süden -die E6- führt uns nochmal am Alta-Museum vorbei und wird uns jetzt über einige zehn Kilometer am Altafjord entlangführen. Mit Ausnahme der Tunnel: Die norwegischen Tunnelbauer scheinen Radfahrer während des Tunnelbaus vergessen zu haben und dafür -als sie ihnen wieder eingefallen sind- ein Schild mit „Fußgänger/Radfahrer verboten“ aufgestellt zu haben.

Den ersten Tunnel dieser Art dürfen wir wir kurz vor dem Kåfjord umfahren, was hier wirklich ein Gewinn ist. Die Runde um 600m Tunnel und Hauptstraßenbrücke ist gute 10 Kilometer lang und führt uns durch schöne Wälder, an einem aufgestauten Fluß entlang, der sich gerade bemüht, sein restliches Deckeis talwärts treiben zu lassen und an einem herrlichen Wasserfall vorbei. Die norwegischen Tunnelbauer wissen anscheinend ganz genau, was sie machen.

Neben den Tunnels haben wir es auch an mehreren Baustellen mit den norwegischen Straßenbauern zu tun: Insgesamt drei Mal stehen wir vor einer Baustellenampel und kämpfen uns über die unvermeidlichen, geschotterten Extrasteigungen wenn eine Ersatztrasse an der Baustelle vorbei am Hang entlangführt. Dafür sind auf dieser Strecke einige Ahhhs. und Ohhhs versteckt, da sich der Fjord bei tollem Wetter in einem fantastischen Blau präsentiert, siehe Diashow.

Die erste Etappe nach Rücken/Hals/Nase wollen wir nicht zu lange machen, nach 53km haben wir schon wieder 740HM gesammelt und nehmen deshalb das erstbeste Birkenwäldchen ohne Häuser drumrum für unseren Zeltplatz. Es fühlt sich immer noch ein bisschen ungewohnt an, das Zelt einfach „irgendwo“ aufzustellen, uns unser Abendessen zu kochen und die Nacht zu verbringen. Dafür hören wir den ganzen hellen Abend den heimischen Vögeln zu: Wasseramseln, Raben, Bachstelzen, Möven, irgendeine Entenart sind gerade paarungswillig und suchen sich lautstark den passenden Partner dafür. Jedenfalls verbringen wir eine ansonsten ruhige Nacht, kaum 50m von der wenig befahrenen Straße weg. Um uns herum nur vereinzelte Schneefelder, Dachshöhlen (oder Vielfraß-Höhle?) und ganz wenige Stechmücken, denen es für den echten aggressiven Angriff anscheinend noch zu kalt ist.

Am Freitagmorgen hat die Sonne schon morgens um 7:00 Kraft und wir kochen uns unseren Frühstückskaffee in „unserem“ Wäldchen. Den Tag gehen wir ganz langsam an und brauchen wieder unsere typischen 2 Stunden, bis wir alles für die Weiterfahrt gepackt haben. Vielleicht gehen wir es auch langsam an, weil auf der heutigen Etappe unser erster „Pass“ mit 260 Höhenmetern ansteht. In Naviki sehen wir für diese Strecke eine durchgehende Steigung mit 5-7%, ein Stück weit sogar 8% angekündigt, was in uns schon ein bisschen Respekt weckt. Zu nahe ist noch die Erfahrung, wie sich untrainierte Beine auf einem 250kg-Gespann an den Steigungen zum Nordkapp angefühlt haben. Direkt vor dem Berg finden wir in Langfjordbotn noch einen Coop, decken uns mit Müsliriegeln ein und kaufen noch eine Flasche Cola und zwei Dosen Bier für den Abend… nicht dass wir zu wenig Balast in der Steigung haben.

DSCN4899

Eine Stunde später stehen wir dann glücklich und platt auf der Passhöhe und schauen auf den Kvænangenfjord im nächsten Tal: Wer mit dem Rad schon (echte) Pässe gefahren ist, kennt dieses Gefühl der inneren Zufriedenheit und des Stolzes bestimmt. Den Berg hinunter schieben uns die 250kg superschnell in Richtung Tal, nur wegen einer Herde Rentiere auf der Straße müssen wir einmal kräftig herunterbremsen. Die Doppelscheibenbremse möchte Udo Hintensitzer jedenfalls schon jetzt nicht mehr missen.

Unten im Tal sehen wir einen netten Schmelzwasserfall und füllen unsere Thermoskannen nochmals mit Wasser voll. Hey, da!!! An dem Schneefeld schrecken wir ein Hermelin auf, das sich noch zwei Mal zu uns umschaut bevor es im Gebüsch verschwindet. Es hat jetzt im Mai den weißen Winterpelz schon fast verloren und zeigt einen graubraunen Rücken. Leider sind wir viel zu langsam, um in der kurzen Zeit eine der beiden Kameras startklar zu bekommen.

Also rollen wir noch einige Kilometer weiter, bis wir den winzigen Campingplatz Sekkemo oberhalb des Fjords anrollen, unser Zelt aufstellen und eine heiße Dusche genießen. Zu dumm, dass wir für das warme Wasser hier 10 Kronen einwerfen müssen und recht wenige Münzen haben: Die verdiente AUSGIEBIGE heiße Dusche verkürzt sich dadurch erheblich. Das Bier, das wir immerhin über unseren ersten Pass getragen haben, schmeckt dafür extra lecker und nebenbei schauen wir uns das Höhenprofil der nächsten Tage, von hier bis Olderdalen, an… die Campingplatznachbarn in ihrem Wohnwagen haben uns vor den nächsten beiden „Bergetappen“ gewarnt.

Für Samstag planen wir also die erste der beiden Spitzen, 400HM (wieder ~5-7% durchgängige Steigung), könnten danach noch einige Kilometer am Fjord entlangrollen um direkt vor der wirklich heftigen Steigung (gut 8% und 240HM) auf dem Campingplatz Storslett noch eine Nacht auszuruhen.

Die Planung funktioniert zuerst einmal recht gut, unsere bereits müden Beine können sich mit den ersten 400HM ganz gut arrangieren und so stehen wir 2 Stunden später endorphingeschwängert auf der Passhöhe. Hier oben liegt der Schnee an einigen Stellen noch meterhoch und gleichzeitig sieht der Fjord unten mit blauem und teilweise türkisfarbenem Wasser fast schon mediterran aus.

Trotzdem sind wir wirklich platt, als wir in Storslett einrollen -man muss wissen, dass auch die „ebenen“ Strecken in Norwegen eigentlich rollende Hügel sind, die uns öfters in Kriechtempo im niedrigsten Gang zwingen-. Supermarkt? Fehlanzeige! Heute ist Samstag vor Pfingsten und alle Geschäfte haben seit zwei Stunden geschlossen. Die kurzfristige Rettung ist die Tankstelle, wo wir uns mit Hotdog, Gummibärchen, Cola und Kaffee dürftig verpflegen. Nächste Fehlanzeige: Der eingeplante Campingplatz Storslett ist seit Jahren geschlossen und wir finden absolut keine Wiese, in die wir unser Zelt stellen könnten. Deshalb haben wir keine andere Wahl als uns die nächste Spitze (240HM, 8%) mit unseren ohnehin schon zittrigen Beinen hochzukämpfen. Um die nächste Pleite jetzt aber ganz sicher zu verhindern rufen wir beim nächsten Campingplatz schon von hier oben aus an und lassen uns bestätigen dass er offen hat…. Er hat.

Für die Campingplatzbetreiberin sind wir die ersten Gäste in 2016 und sie hängt für uns sogar noch eine deutsche Fahne an den Masten neben der Norwegischen, welch ein Willkommen. Wir futtern unseren halben Küchenkoffer leer, bauen das Zelt auf und schlafen wirklich extrem platt bis zum nächsten Morgen durch.

Sonntagsetappe… eigentlich zum Vergessen. Die Beine hätten den Ruhetag jetzt schon hoch verdient und wir sind auch mental schon ziemlich leer… allein der schlechter werdende Wetterbericht treibt uns dazu, noch eine Etappe dranzuhängen. Heute ist der erste Tag, an dem wir in Norwegen ein paar Tropfen Regen abbekommen, bisher waren wir ja von blauem Himmel mehr als verwöhnt. Außerdem wird der Wind garstiger und wir beschließen im Konsens, das Schild „Campingplatz 5km“ anzunehmen und die Etappe mit 56Kilometern zu beenden. Jetzt ist ein Ruhetag, Wäsche waschen, ausgiebig Duschen (ohne Münzen) und eine kleine Gemeinschaftküche angesagt, siehe oben.

Weiter mit „Svensby – Tromsø, hart im Wind“

Die Bilder des Tages (Klick für Diashow):

Fähre Olderdalen Schneehase in Sekkemo Austernfischer Campingplatz Sekkemo

6 Kommentare

  1. heidi heidi
    16. Mai 2016    

    Hallo Martina und Udo,
    ich freue mich für Euch, dass es Euch wieder besser geht, und bin wieder so fasziniert von Euren Erlebnissen und Fotos.
    Das Gefühl, nach einer Bergtour am Gipfel angekommen zu sein, kenne ich ja gut, doch so wir Ihr Beiden die Steigungen mit so viel Gepäck meistert …toll! Mit dem Wetter hattet Ihr ja bis dato soooo Glück, nach Regen kommt sicher bald wieder Sonnenschein…
    Passt weiterhin auf Euch auf und gönnt Euch vor allem die nötigen Ruhetage zum Relaxen und um die Naturerlebnisse zu verarbeiten.

    Es grüßt Euch ganz herzlich aus Ittendorf

    Heidi

    • Udo Hintensitzer Udo Hintensitzer
      21. Mai 2016    

      Hallo Heidi,
      es freut uns sehr wenn dir unsere Berichte und Bilder gefallen.
      Danke für deine lieben Wünsche 🙂
      Die Ruhetage die bauen wir regelmäßig an besonderen oder sehenswerten Orten ein und verbinden so das Ausruhen der müden Beine mit mit etwas Schönem.
      viele Grüße aus Andenes (hier wollen wir morgen eine Wal-Watching-Tour machen) nach Ittendorf
      Tina und Udo

  2. Silke Silke
    18. Mai 2016    

    Hey ihr zwei,
    mir tun schon die Beine vom lesen weh 😀 Ich glaube man kommt schon zuweilen an seine physischen und psychischen Grenzen, auf so einem Tripp – aber das wolltet ihr ja auch. Bin gespannt wie es weitergeht. Wünsche Euch überwiegend gutes Wetter.
    Grüße Silke

  3. 20. Mai 2016    

    Hi Silke,

    vielen Dank für die lieben Wünsche… es wirkt, die Wettervorhersage klingt schon mal sehr vielversprechend. Wäre vielleicht genau passend für die geplante Whale-watching-Tour an diesem Wochenende, da wünschen wir uns nämlich mehr Sonne und etwas weniger (oder wenigstens etwas niedrigere) Wellen 🙂

    Die physischen Grenzen können wir inzwischen erahnen, den einen oder anderen Hügel kommen wir auf den letzten Körnern oben an. Psychisch werden wir eher von den vielen“Ooh“, „Aah“ und „Guck mal da drüben, ist das genial“ auf die Probe gestellt. Es ist unglaublich schön, das erleben zu dürfen und so viel Zeit dafür zu haben.

    Grüße, Tina und Udo

  4. K.-D.Siegmund K.-D.Siegmund
    21. Mai 2016    

    Einen guten Tag euch 2-Radlern,
    habe am Mi von Martinas Papa von Eurer abenteuerlichen Tour erfahren und mir darauf hin Eure Webseite angeschaut.
    Grandios, fantastisch ich bin begeistert ….. und der Kameraeinsatz per Hubitechnik ersetzt ja beinahe ein komplettes Kamerateam, sehr beeindruckend.
    Bleibt gesund und fit, und weiterhin tolle Erlebnisse und viel Freude an Eurer Nord-Süd Tour.

    Ein rollendes Drreng Dlededlebeng aus Karlsruhe

    Ciao Sigges

  5. Yvonne u. Monika Kortus Yvonne u. Monika Kortus
    14. Dezember 2016    

    Respekt!!!!!!
    Ohne Worte.
    Liebe Grüße!!!!!!
    Yvonne u. Monika Kortus ( Keßler)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Unsere Etappen in der Übersicht

Die Hinreise zum Nordkapp

Vom Nordkapp nach Tromsø

Troms - Vesteralen - Lofoten

Bodø - Trondheim

Trondheim - Südnorwegen / Halden

Schwedische Westküste

Deutschland Nordost-Südwest: Usedom bis Bodensee

Frankreich Ost-West: Mulhouse - Nantes - Eurovelo 6

Frankreich Atlantikküste: St. Nazaire - Biarritz - Eurovelo 1

Spanien: Atlantik und Jakobsweg