Ein Lebenstraum von Nord nach Süd

Femundsee – Rena, spannende Begegnungen

Gestern abend war Blutspendetag am Femundsee. Wunderschöne Aussicht auf die Anlegestelle und den See, angenehm lauer Abend aber weder das Insektenspray noch die Räucherspiralen helfen wirklich nachhaltig gegen die Schnakenplage hier am See. Trotzdem war es nach zwölf als wir nachgegeben haben und ins Zelt geflüchtet sind.

Heute steht zuerst das Schiff über den Femundsee auf dem Plan, mit dem wir bis Elgå fahren wollen. Danach nehmen wir die Fv221 weiter an den Südzipfel des Sees, wo wir die nächste Nacht zelten wollen. Dafür müssen wir früh aufstehen, das Schiff legt schon um 9:00 zur einzigen Fahrt des Tages ab. Der Nationalpark Femundsmarka ist ein beliebtes Erholungsgebiet zwischen Sør-Trondelag und Hedmark, nahe der Grenze zu Schweden. So stehen schon sehr viele Ausflügler und Wanderer an der Anlegestelle, die zum Teil nur mit dem Schiff fahren wollen, zum größten Teil aber ein- und mehrtägige Wanderungen um den See planen.

Weil es nichts ähnlich Sperriges wie unser Pino, unseren Anhänger plus unsere Packtaschen in der Warteschlange gibt dürfen wir als erstes boarden: Der Schiffsbetreiber macht sich höchstpersönlich die Finger an unserem Tandem schmutzig als er Udo Hintensitzer beim Wuchten über die Reling hilft. Er bleibt trotzdem riesig freundlich und fragt uns noch ausgiebig über unsere Reisepläne und bisherigen Erlebnisse aus.

Pünktlich legen wir ab, setzen uns bei herrlichem Wetter eine Stunde lang aufs Außendeck und schauen auf die schöne, aber karge Landschaft, bevor wir nach innen gehen und uns einen Kaffee und eine Waffel mit Creme Fraiche und Erdbeermarmelade gönnen… Das ist eines der norwegischen Nationalgerichte, die man überall -von Fähre über Tankstelle bis zu fast jedem Kiosk- angeboten bekommmt. Es ist nicht mehr weit bis Schweden und Deutschland, da werden wir auf diesen Snack wohl verzichten müssen.
Auf dem Schiff treffen wir Stine Marie, Susanne und Margareta, drei junge Norwegerinnen, die eine Viertage-Wanderung von Elgå zurück nach Synnervika planen. Sie sind mit Rucksack, Zelt und Schlafsack unterwegs und haben eine einsame Wanderstrecke von gut 60 Kilometern vor sich. Wenn wir nicht selbst schon wochenlang auf einem solchen naturnahen Trip unterwegs wären würde uns das auf jeden Fall mehr als neidisch machen.

Vermutlich sind aber eher die Drei neidisch, als wir über 2RadReise und sieben Monate Sabattical erzählen. Genau auf solche Begegnungen mit interessanten Menschen hatten wir uns im Vorfeld unserer Reise schon gefreut, wir hoffen dass die Drei tolle Tage verbringen und dass sie uns das versprochene Foto von ihrer Winterwanderung im Fjell mit Zelt, Ski und Gepäckschlitten schicken. So ein Abenteuer fehlt Udo Hintensitzer noch in seiner Sammlung.

Nach drei Stunden Schifffahrt wuchten wir das Pino und den Hänger in Elgå von der „Fæmund II„, machen noch ein Abschiedsfoto mit den drei Mädels… und rollen los. Die Führerin im Bergbaumuseum Olavsgrua hatte uns die Route auf der Ostseite des Sees ab Elgå empfohlen, dieser Tipp war gut: Wir folgen zuerst der Fv221 und später der Fv654, die auf weite Strecken auf planiertem Kies führt. In diesem Naturschutzgebiet soll es auch Bären, Wölfe und viele Elche geben, aber jetzt, in der Mittagshitze, lässt sich keines dieser Tiere sehen. Immerhin sehen wir auf dieser Strecke sehr viel mehr Rentiere auf der Straße als Autos.

Etwa auf der Streckenhälfte nutzen wir einen „Rasteplass“ für unser Picknick mit Blick über den See.

Zum ersten Mal auf unserer Tour lehnen wir dann abends einen Campingplatz ab: Der Femundtunet Hotell und Camping will 250 Kronen (~26€) für uns mit Zelt und Rad abzocken, das ist uns dann doch deutlich zu viel. Zum Glück ist der nächste Campingplatz in Udo Hintensitzers Datenbank nur 8 Kilometer weiter. Hier nimmt man uns auf dem familiären Campingplatz Isterfossen für 100 Kronen auf, der günstigste Zeltplatz bisher. Als Zusatzservice bringen uns die Campingplatz-Betreiber abends einen geräucherten Fisch mit Kartoffeln von ihrem Familienessen am Zelt vorbei. Schade nur, dass sie sehr wenig Englisch reden, sonst hätten wir den Abend bestimmt gemeinsam ausklingen lassen.

„It’s raining again…“

Am Freitag Morgen haben wir schönstes Wetter als wir aus dem Zelt kriechen. Perfekt, um eine zweite Kanne Kaffee zu trinken, den Blog auf neuen Stand zu bringen und die Packtaschen neu zu sortieren. Wir verbummeln mal wieder den halben Vormittag bis wir wieder auf dem Rad sitzen und haben damit auch die wettertechnisch schönste Zeit des Tages hinter uns.
Der erste leichte Regen erwischt uns nach 5 Kilometern (Regenjacke an), dauert nur 5 Minuten (Regenjacke aus). In diesem sonnigen Streckenabschnitt treffen wir eine Wandererin, Friederike, mit der wir uns eine halbe Stunde angeregt unterhalten: Sie ist zu Fuß von Lindesnes, Südnorwegen, zum Nordkapp unterwegs und hat die ersten 2 Monate Wanderung auf diesem Wanderweg schon hinter sich. Sie erzählt uns von ihrer Streckenplanung, von ihrem Zeitplan und davon, wie sich eine lange Wanderung anfühlt, bei der man manchmal für mehrere Tage keinen Menschen sieht. Das ist für uns auf dem Tandem jedenfalls leichter.

Wir tauschen Visitenkarten aus und radeln weiter…direkt in den nächsten Regenschauer (Regenjacke an). Dieses Mal erwischt es uns mit einem echten Landregen, in dem wir es verpassen, rechtzeitig die Regenüberhose anzuziehen. Zwei Minuten zu spät entspricht in diesem Guss bereits klatschnass und ab da lohnt sich eh nicht mehr, das Ölzeug zu bemühen. Der Regen ist zwar für eine halbe Stunde richtig heftig, dafür überhaupt nicht kalt. Wie so ein Sommerregen halt sein soll.

Ziemlich nass...

Ziemlich nass…

Kurz nach „Regenjack aus“ kommt spannende Reisebegegnung Nummer drei: Als wir wieder halbwegs trocken sind und eine längere Steigung hochhecheln steht ein Auto oben auf der Kuppe und der Fahrer steht schon neben dem Auto um unser Gefährt mit dem Fotoapparat abzupassen.

Wir machen das Foto zurück, weil wir diese Situation „Passant fotografiert 2RadReise“ jetzt schon so oft hatten und auch mit festhalten wollen und halten für ein Schwätzchen an:
„I’ve seen you yesterday already and wanted to take a picture of you, but this was downhill and I didn’t manage to take that photo. As I passed you some minutes ago, I’ve been more clever than last time… and awaited you uphill :)“ Bjørn Michael ist begeistert von unserem Lastenrad und fragt uns aus, im Gegenzug erzählt er uns über diese Gegend, in der er aufgewachsen ist. Ob wir Lust haben, ihn auf einen Kaffee zu besuchen, sein 400 Jahre altes Anwesen liegt genau auf unserer Strecke?
Ja, natürlich, haben wir!

Die Straße hinunter nach Åkrestrømmen hat es noch in sich, es geht auf gutem Asphalt mit 10%, stückweise sogar mit 12% nach unten, unsere Doppelscheibenbremse (Pino-Spezialumbau von Steiner) ist zum wiederholten Mal kein nice-to-have sondern elementar wichtig um unser Lastenrad sicher herunterbremsen zu können. So können wir auf diesem Gefällstück den offiziellen 2RadReise-Geschwindigkeitsrekord aufstellen ohne uns Sorgen wegen Anhalten zu machen.

Bjørns Beschreibung ist gut, wir finden sein Haus in Rønningen problemlos. Es liegt oberhalb der Straße mit Blick über den halben See und hat den Charme eines gepflegten alten Anwesens. Er führt uns durch sein Gästehaus, das er liebevoll mit Holz aus dem eigenen Wald renoviert hat und dabei auf alte Zimmermannstechniken zurückgegriffen hat. Sogar den Dielenboden hat er mit Holzdübeln genagelt. 264 Stück, sagt er…. vermutlich war das eine so langwierige Arbeit dass er sich an jeden Nagel einzeln erinnern kann 🙂

Beim Kaffee trinken -Bjørn ist extra noch in die Stadt gerauscht um Kuchen zu kaufen- erzählt er uns über seine Zeit als Architekt in Schweden und wie er vor 16 Jahren, nach seiner Pensionierung, wieder dieses Anwesen seiner Eltern und Großeltern bezogen hat. Seine Erzählungen über Wolfsbeobachtungen direkt vor seinem Haus, über wilde Luchse in seinem Garten und über ein Hermelin, das in seinem Steingarten gewohnt hat und das er über den Winter gefüttert hatte sind sehr lebhaft für uns.

Gerne hätte er uns in seinem Gästehaus für die Übernachtung eingeladen, aber wir wollen gerne noch ein paar Kilometer hinter uns bringen. So fahren wir noch gute 20 Kilometer in der Abendstimmung am See entlang und übernachten auf dem Campingplatz Sjøli und braten uns noch einen leckeren Hamburger bevor wir ins Zelt schlüpfen.

Thank you again, Bjørn for your kind hospitality, for the beer and the handmade berry-juice! We did enjoy your stories about your environment quite a lot!

Weiter mit „Rena – Elverum – Kongsvinger“

Die Bildergallerie dieser Etappe:

1 Kommentar

  1. Jörg Jörg
    28. Juli 2016    

    Danke für den Bericht. Die Femundsmarka ist unsere Lieblingsgegend in Norwegen und wir fahren immer wieder gerne dorthin. Euer Bericht und die Bilder vom See, vom Schiff, … habe mir direkt den Geruch der Gegend in die Nase gezaubert und die Sehnsucht geweckt. Freue mich auf die Fortsetzung.

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Unsere Etappen in der Übersicht

Die Hinreise zum Nordkapp

Vom Nordkapp nach Tromsø

Troms - Vesteralen - Lofoten

Bodø - Trondheim

Trondheim - Südnorwegen / Halden

Schwedische Westküste

Deutschland Nordost-Südwest: Usedom bis Bodensee

Frankreich Ost-West: Mulhouse - Nantes - Eurovelo 6

Frankreich Atlantikküste: St. Nazaire - Biarritz - Eurovelo 1

Spanien: Atlantik und Jakobsweg