Ein Lebenstraum von Nord nach Süd

Etwas andere Übernachtungsplätze

Es ist halb drei nachmittags, als wir uns in Kolvereid endlich vom Campingplatz loseisen: Die Abstimmung 4. Kanne Kaffee gegen Losfahren ging knapp mit 2:0 für Losfahren aus. Das Zwischenziel Rørvik haben wir schon gestrichen weil wir heute kein weites Stück mehr schaffen werden und auch, weil wir endlich mal richtig kleine Straßen fahren wollen: Bisher war uns immer das Risiko zu hoch, irgendwo in -für uns- unfahrbaren matschigen Feldwegen zu enden. Also nehmen wir kurz nach Kolvereid die FV530 nach Süden, die uns fast bis zur nächsten Fähre in Hofles bringen wird. Die Landschaft ist wieder mal toll: Grüne Wiesen, ein ganz ruhiger See, Landwirtschaft, man könnte sich wirklich leicht im Allgäu fühlen.

Das weckt in uns die Diskussion, wie es uns wohl in Deutschland gefallen wird wenn wir Skandinavien hinter uns gelassen haben. Ist noch nicht zu Ende diskutiert, wir warten es einfach ab. Zum Glück kommt ab und zu ein felsiger Hügel mit Gletscherschleifspuren oder ein Haus mit Elchgeweih dazwischen und wir wissen wieder wo wir sind.

An dem Tag fängt die Suche nach einem Übernachtungsplatz dann auch schon nach 35 Kilometern an, aber wir sind bei der Suche heute nicht so richtig glücklich… oder anfangs zu wählerisch?
Ein paar Stellen am Meer, die aber entweder zu abschüssig oder zu steinig zum Zelten sind, ein paar Wege in den Wald, wo es schnell viel zu sumpfig wird. Einer Bucht folgen wir sogar noch 200 Meter zu Fuß… auch ohne Erfolg. So kommen wir zu unserem ersten zweifelhaften Übernachtungsvergnügen auf unserem Trip: Direkt nach einer Brücke ist ein großer Kiesparkplatz, der ganz hinten ein ebenes Fleckchen für ein Zelt anbietet. Außerdem steht hier noch ein Schiffscontainer geparkt und akkustisch wird die Stelle von einer Straßenfuge der nahen Brücke untermalt: Immer, wenn ein Auto vorbeifährt hören wir ein lautes Donnern an dieser Dehnfuge. Trotzdem ist jetzt, halb neun abends, die Uhrzeit gekommen, zu der man immer weniger wählerisch mit dem Schlafplatz wird.

Also braten wir uns noch den Lachs an, den wir mittags eingekauft hatten und schließen den Reißverschluss zu unserer werten Schlafstätte – und schlafen erstaunlich gut. Die Nacht über sind praktisch keine Autos gefahren, morgens um halb sieben werden wir sanft von den Glocken der hier freilaufenden Schafe geweckt. War doch gar nicht so schlimm, bleibt aber in unserer Wahl zum „denkwürdigsten Übernachtungsplatz der Tour“ vorerst auf Platz eins.

Den Morgen nutzen wir noch, um die Tierspuren um unseren Zeltplatz ausgiebig zu studieren: Jetzt, wo wir wissen dass es wirklich Elche gibt, können wir auch aus zwei Metern Entfernung Elchkot und Elchfußspuren eindeutig erkennen. Vor uns waren hier jedenfalls auch schon mal Elche zur Übernachtung.

Wie es jeder halbwegs erfahrene Pessimist schon vorausgesehen hätte sehen wir keine 3 Kilometer nach unserem Notübernachtungsplatz schon *DEN* Übernachtungsplatz überhaupt. Platz am Fjord, Wiese, Grillstelle, weit genug weg von der Straße! Wir hätten gestern einfach noch ein bisschen durchhalten müssen. Egal. Dieser Tag ist dann schnell erzählt: Auf dem Weg nach Namsos halten wir noch ein Picknick auf einer Seitenstraße, wo wir uns einfach in der Sonne auf den Asphalt setzen und unser Vesper auspacken. Man mag uns für verrückt erklären, aber das sind für uns echte Highlights. Anhalten wo man gerade Lust dazu hat, die frische Luft in der Nase und sich etwas Leckeres gönnen… traumhaft.

Namsos scheint eine der norwegischen Städte mit wirklichem Leben zu sein, die norwegische Rock-Szene ist hier fest verankert. Wir radeln trotzdem weiter und finden den nächsten speziellen Übernachtungsplatz 10 Kilometer später in der Nähe von Bangsund, wo ein „Friluftsområde“ angeschrieben ist. Wir sind neugierig, was ein Område wohl sein könnte und finden eine Halbinsel im See mit Grillstelle, zusammen mit einer wunderschönen ebenen Wiese, einem Wald und einer öffentlichen Toilette inklusive fließend Wasser. Perfekt für unseren Einweg-Grill und unsere Würstchen, die wir uns heute im Supermarkt geschossen hatten.

Wir packen die Gitarre aus, genießen den Platz, bauen das Zelt ein bisschen verschämt und extra spät auf falls jemand kommen könnte und haben wieder eine tolle Nacht -wenn man von Tinas Kopfkissen mal absieht, das diese Nacht inkontinent wird und Luft verliert. Falls jemand diesen Übernachtungsplatz sucht kann er unter unserem Track südlich von Namsos nach den Koordinaten suchen. Platz zwei in der vorläufigen Liste der besonderen Übernachtungsplätze.

Seit Namsos waren wir wieder auf der FV17 nach Süden unterwegs und könnten in 180 Kilometern schon in Trondheim sein wenn wir auf dieser Straße bleiben. Wir haben aber noch genügend Zeit und große Lust auf Umwege, auf kleine, verkehrsarme Straßen und biegen kurz nach Sjøåsen auf die 715 ab, die uns in einem riesigen Bogen zuerst ans Meer und dann über eine weitere Fährverbindung von Westen her nach Trondheim führen wird. Diese Straße ist empfehlenswert, sie führt zuerst an Wasserfällen entlang auf eine Hochebene mit riesigen Waldseen und später einer Moorebene mit geringer Bewaldung und flachen Moorseen. Auf dieser Strecke müssen wir zwei Mal für eine Pause anhalten weil es einfach zu schön ist, über die Landschaft zu schauen und einfach hinauszuträumen.

Später führt die Straße wieder auf Meereshöhe herunter und wir sind wieder in den grünen Wiesen bei Rinderviehzucht angekommen. Der Campingplatz Osen wird zur unspektakulären Übernachtungsstelle mit dem gewissen Etwas: Abends können wir hier in ein Grillhäuschen sitzen und auf dem Notebook per Live-Stream und norwegischem Kommentator das EM-Vorrundenspiel Deutschland gegen Ukraine (2:0 🙂  ) anschauen. Am nächsten Morgen holen wir uns dann noch Streckentipps für die nächsten 150 Kilometer vom Campinplatzbetreiber ab, lassen unser spezielles Gefährt für Facebook fotographieren und rauschen weiter. Er hatte uns auch vor den wenigen Einkaufsmöglichkeiten auf dieser Straße gewarnt, sicherheitshalber erledigen wir den Einkauf für die nächsten beiden Tage deshalb gleich hier.

An diesem Tag schaffen wir nur gute 50 Kilometer, was vielleicht auch an den bissigen Wellen liegen könnte: Nach diesen 50 Kilometern haben wir heute fast 1000 Höhenmeter auf der Uhr. Auch hier suchen wir wieder lange bis wir ein Plätzchen für die Nacht gefunden haben: Der eine Waldweg sieht zu bewohnt aus, der nächste hat enorm viele Elchspuren (auf einer Elchparty wollte Tina Vornesitzer nachts dann doch nicht aufwachen), der Dritte gibt keine ebene Stelle her, der übernächste ist zu nahe an der Straße. Wie immer gibt es ein spezielles Verhältnis zwischen der Dauer der Suche und unseren Ansprüchen: Je länger wir suchen, desto niedriger werden die Ansprüche und so wird ein Waldweg das Objekt der Wahl.

Nachdem wir diesen Waldweg 300 Meter hineingefahren sind haben wir beide keine Lust mehr zurückzufahren, das Ende dieses Waldweges ist auch eben genug. Bingo, hier stellen wir das Zelt auf. Sogar, wenn die 500 Stechmücken hier noch ihre Kumpels auf einen Drink einladen sollten.

Mit dem Abendessen haben wir heute wieder etwas für die Ernährungsvielfalt getan und es gibt Hamburger (aus einer Gefrierpackung) mit Partytomaten, Käse und Senf. Und zum Nachtisch noch einen 500g-Eimer „Kirsebaer“-Joghurt. Wir sitzen noch lange vor unserem Solo Lagerfeuer, das offensichtlich die Stechmücken auf Distanz halten kann und schlafen prima – mitten im Wald. Platz drei in den speziellen Übernachtungsplätzen.

Weiter mit „Umwege lohnen sich“

Die Diashow dieser Etappen:

2 Kommentare

  1. Lars Lars
    26. Juni 2016    

    Hey ihr Zwei,

    ihr habt ja schon teils Erfahrungen mit norwegischen Tunneln gemacht. Ich bin eben zufällig auf diese Seite hier gestoßen http://www.cycletourer.co.uk/maps/tunnelmap.shtml, die sich mit norwegischen Tunneln beschäftigt. Vielleicht ist das ja noch hilfreich füre eure weiteres Reise 🙂

    Viele Grüße
    Lars

  2. Nadine Nadine
    1. Juli 2016    

    Hey Tina, Hey Udo,

    ich hatte mich schon gewundert was mit euch passiert ist, bis ich jetzt realisiert habe, dass ihr im Moment auf „Heimaturlaub“ seid. Urlaub vom Urlaub sozusagend 😀 Da kann es dann ja keine neuen Berichte geben …
    Wir verpassen uns übrigens um 4 Tage in Trondheim. Bei uns geht es nämlich am 10.07. früh morgens mit dem Flieger los. Mittags sind wir in Norwegen und starten dann unsere Tour in sechs Wochen bis ans Nordkapp. Eure Berichte und auch eure Packliste haben und schon super bei unseren Vorbereitungen geholfen. Wir sind noch am Tetris- Spielen, um das Gewicht ordentlich auf die Taschen zu verteilen, aber ansonsten sind wir bis auf Kleinigkeiten startklar 🙂

    Liebe Grüße
    Nadine und Björn

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Unsere Etappen in der Übersicht

Die Hinreise zum Nordkapp

Vom Nordkapp nach Tromsø

Troms - Vesteralen - Lofoten

Bodø - Trondheim

Trondheim - Südnorwegen / Halden

Schwedische Westküste

Deutschland Nordost-Südwest: Usedom bis Bodensee

Frankreich Ost-West: Mulhouse - Nantes - Eurovelo 6

Frankreich Atlantikküste: St. Nazaire - Biarritz - Eurovelo 1

Spanien: Atlantik und Jakobsweg