Ein Lebenstraum von Nord nach Süd

Andalsnes – Surnadal, PANT!!!

Wir stehen mit unserem Zelt auf dem Campingplatz Saltkjelsnes, wenige Kilometer nach Andalsnes. Morgens früh ist es noch einigermaßen trocken, aber schon kurz nach unserem Aufstehen regnet es wieder los.

Eigentlich kennt unser Zelt zur Zeit nur zwei Zustände: Nass aufgebaut oder nass eingepackt. Aber seit heute morgen kommt wieder was Neues dazu: Es ist nass aufgebaut und tropft herein. Ok, nichts tragisches: Es sind nur wenige Stellen an den Nähten des Außenzeltes, an denen wir Wassereinbruch haben. Da das Innenzelt auch wasserdicht ist, haben wir absolut kein Problem damit, es ist nur unschön, dass wir unsere Sachen im Vorzelt jetzt abdecken müssen. Vermutlich wurden die Nahtstellen bei den Stangenbrüchen vor Torghatten zu sehr gedehnt und sind deshalb undicht geworden.

Jedenfalls hätten wir unser Vorzelt für die restliche Strecke nach Gibraltar gerne wieder dicht und schreiben eine email an den Zelthersteller Helsport, um zu erfahren wie wir eine solche Naht wieder imprägnieren können. Helsport antwortet prompt und meint, wir sollten mit dem Zelt am besten bei Ihnen -in Melhus bei Trondheim- vorbeikommen und wir nehmen dankend an. Melhus ist für uns zwar viel zu weit nördlich und ein Umweg von guten 150 Kilometern, aber die Wasserpfütze in unserem Vorzelt ist groß genug um uns für diese Extrastrecke zu begeistern.

Ziemlich lange tüfteln wir noch in der bequemen Campingplatzküche nach der idealen Streckenführung: Wenig Hauptstraßen, keine exzessiven Höhenmeter. Und möglichst viel Sonne… naja, vergessen wir den letzten Punkt, die Wettervorhersage für den Rest der Woche ist nicht unser Freund.

Wie immer an solchen regnerischen Tagen wird es später Vormittag, bis wir uns aufraffen, das Zelt abzubauen und es wird heute sogar nach 14:00 als wir einen regenfreien Moment abpassen, auf das Pino steigen und in Richtung Fähre Afarnes-Sølsnes losradeln. Tina Vornesitzer kommandiert auf dem Weg zu dieser Fähre mindestens drei Mal „PANT!„, was uns am Fähranleger exakt zwei Minuten zu spät ankommen und die Fähre nur von hinten sehen lässt. Das norwegische Fährsystem funktioniert aber beeindruckend gut und schickt uns unsere Mitfahrgelegenheit über den Fjord per Fahrplan 28 Minuten später wieder her. Ach, wir haben „Pant“ noch nicht erklärt? Folgt ganz unten in diesem Blog 🙂

Der Langfjordveien führt als sehr wenig befahrene Straße durch die bewaldete Nordseite des Fjords. Manchmal wirkt der Wald wie ein Märchenwald, immer wieder fangen umgefallene Bäume oder moosbewachsene Felsen den Blick ein, dann schrecken wir sogar wieder ein Hermelin auf. Leider sind diese Tierchen immer viel zu schnell um sie zu fotografieren, vermutlich mögen die das nicht.

Das Wetter orientiert sich dann an der Wettervorhersage und es gibt die Menufolge nasse Straße, Nieselregen, echter Regen und als Dessert echter Regen mit Gegenwind, so dass wir froh sind, den winzigen Campingplatz Sunndal zu erreichen.

Vermutlich geben wir an der Rezeption ein klägliches Bild ab: Wir werden wirklich enorm zuvorkommend empfangen, die Betreiber bieten uns sogar den Wohnwagen eines Dauercampers als trockene Zuflucht an. Einen kleinen Moment zögern wir schon, denken an unser tropfendes Vorzelt, lehnen aber dann doch ab: Zelt im Regen aufbauen haben wir inzwischen geübt, und so liegen wir eine gute Stunde später in unserem kuscheligen Schlafsack, haben das Notebook vor uns und schauen einen Tatort von Festplatte an. Ok, eine halbe Stunde pausieren wir den Tatort weil der Regen da zu laut auf das Zeltdach prasselt und wir die Schüsse nicht hören können.

3 Tunnel bis Surnadal

Die Straße von Eidsvag nach Surnadal führt durch 3 größere Tunnel, die heute auf dem Programm stehen. Fängt direkt nach dem Campingplatz mit dem Skrøotunnelen auf der RV62 an, bei dem die Umfahrung auf der früheren Straße aber fast höhenmeterfrei richtig Spaß macht.

Nicht viel später folgt der Öksendalstunnelen mit 6 Kilometern Länge der auch eine Umfahrung mit dem Fahrrad zulässt, die aber mit Höhenmetern gespickt ist. Wir schauen uns den Tunneleingang noch aus der Nähe an, sehen den Verkehr und die LKWs im Tunnel verschwinden und entscheiden uns für die Umfahrung. Die ist dann auch richtig schön: Wir kommen mit unserem Lastenrad zwar ganz schön ins Schwitzen, aber es ist immer schön zu sehen, wie sich die Natur solche aufgegebenen Straßen Stück für Stück wieder zurückerobert, wenn die ersten Bäume die halbe Straße überspannen und die ersten Pflanzen und Büsche wieder auf dem Asphalt wachsen.

Der letzte Tunnel im Bunde ist dann der Oppdølsstrandtunnelen, der für Radfahrer wirklich komplett gesperrt ist. Es gibt zwar eine Umfahrung von früher, aber hier ist die Natur wohl schon erheblich viel weiter. Entgegenkommende Reiseradler zeigen uns ihren Video, wie sie ihr Fahrrad über eine Stahlplanke über einen Wasserfall tragen weil einer der alten Straßentunnel komplett verschlossen ist. Mit unserem Pino und Anhänger wäre das absolut nicht machbar und wir müssen uns nach anderen Möglichkeiten umschauen.

In der Tankstelle rät man uns zum Taxi, das uns mitsamt Fahrrad durch den Tunnel fahren könne, aber der angerufene Taxidienst lehnt freundlich ab: Ein Pino mit 2,50m Länge OHNE Anhänger können die leider nicht transportieren. Da hält ein Bus bei der Tankstelle an, der Busfahrer steigt aus und kommt zu uns um uns zu erzählen, dass er uns mitnehmen kann und erklärt uns den Weg zur Bushaltestelle wo er uns in 45 Minuten auflesen kann wenn er seine Tour durch den Tunnel macht.

Echter Kundenservice, wir sind uns nicht ganz sicher, ob uns das überall in Europa auch so passiert wäre. Die 45 Minuten reichen uns jedenfalls locker um noch schnell die Tagesration Gummibärchen für Udo Hintensitzer zu kaufen und um zur beschriebenen Bushaltestelle zu fahren. Das Pino passt prima in das Gepäckabteil des Busses, der Fahrer lässt es sich nicht nehmen, uns nicht nur bis zur ersten Bushaltestelle nach dem Tunnel mitzunehmen sondern uns nach dem Tunnel UND der nachfolgenden längeren Steigung aussteigen zu lassen. Wir sind begeistert, wie der Busfahrer sich in unsere Lage versetzt und nehmen seinen Vorschlag gerne an und der Bus hält 20 Minuten später mit uns hinter dem Tunnel und 100 Höhenmeter höher. Der Busfahrer hilft uns wieder, wie schon beim Einladen mit unserem Gepäck und dem schweren Pino und ist sich nicht zu schade, auch am inzwischen wirklich schmutzigen Pino mit anzupacken. 12 von 10 möglichen Punkten in der Kategorie Kundenservice für diesen Busfahrer!!!

Der Rest der Tagesetappe besteht dann noch aus der hügeligen Straße RV70 zur Fähre und aus der hügeligen Straße RV670 zum Campingplatz am Lachsfluss Surna, wo wir unser Zelt wieder in den Zustand nass/aufgebaut transformieren, duschen und früh ins Bett fallen.

Die Surna ist ein Lachsfluss, der sich seinen Weg über 45 Kilometer von Øvre Rindal bis zum Surnadalfjord bahnt. Vom Fjord her -wo wir auf dem Campingplatz in Surnadalsøra stehen- beginnt das Tal der Surna zuerst als sehr weites Tal, das landwirtschaftlich genutzt wird. Weiter oben bekommt der Fluss immer mehr den Charakter eines Bergflusses mit vielen Stromschnellen in einem engeren Tal. Als wir morgens in unsere Etappe starten verirren wir uns zuerst auf die Hauptstraße RV65 anstatt auf den kleinen Parallelweg auf der anderen Seite des Flusses auszuweichen. Hat den negativen Effekt von mehr Autoverkehr, dafür finden wir hier -vielleicht zum ersten Mal in Norwegen- ein längeres Stück flache Straße vor auf dem wir richtig gut vorwärts rollen. Trotzdem nehmen wir nach gut 10 Kilometern eine Abzweigung auf die parallele Straße und finden uns plötzlich auf einer idyllischen Strecke mit vereinzelten Häusern, mit Wiesen und Wald ganz nah am Fluß wieder. Der Weg ist jetzt auch häufiger nicht asphaltiert und wir kommen deutlich langsamer vorwärts, dafür fühlt sich dieses Norwegen wieder sehr gut an.


Später endet die Parallelstraße wieder auf der RV65, wir fahren über einen breiten Sattel auf 310müM und rollen jetzt das Tal der Orkla hinunter. Übernachtung auf einem winzigen, aber superteuren Campingplatz am Fluss: 220 norwegische Kronen hatten wir bisher noch nicht bezahlen dürfen, vermutlich liegt das an der Bedeutung des Flusses für Lachsfischer, die gerne bereit sind diesen Preis zu zahlen. Nun gut: Dafür sind die santitären Einrichtungen und die Küche des Platzes praktisch nicht existent. Künftig werden wir besser zuerst nach dem Preis fragen und dann unser Zelt aufbauen.

Einschub: PANT!!!

Auf unserer Reise hat sich das Tandemkommando PANT!!! eingebürgert, das wahlweise vom Vorder- oder Hintersitzer gegeben werden kann und mit der Handlungsfolge „Anhalten“ und „Absteigen Tina Vordersitzer“ fest verknüpft ist. Lohnt sich bestimmt, das näher zu erklären. Tina Vordersitzer und Udo Hintensitzer haben nämlich einen dunklen Fleck auf der weißen Seele (gerne auch als schwarze Seele mit wenigen weißen Flecken gesehen). Also: Wir sind sehr gerne in der Natur und besuchen gerne Fleckchen mit schöner Aussicht oder mit der Chance auf Tierwelt. Was dabei extrem auf den Senkel geht, ist dass manche Mitbürger vor uns wohl mit chronischer Vergesslichkeit gesegnet sind und vom Kaugummipapier über leere Zigarettenschachtel bis hin zu in Scherben gebrochene Flaschen allerlei Zeug hinterlassen haben. So haben wir uns -als weißer Fleck auf der Seele- angewöhnt, grundsätzlich mehr Abfall mitzunehmen als wir selbst erzeugt hatten und damit die Vermüllung solcher Stellen wenigstens ein bisschen zu reduzieren.

Auf unserer Reise haben wir dieses Spiel jetzt ein bisschen erweitert und sammeln zusätzlich die Pfandflaschen und Pfanddosen (Pant = norwegisch Pfand) am Wegrand auf. HALT: Bevor jetzt jemand hektisch auf unseren Blogseiten nach der Spendennummer oder unserer Paypal-Adresse sucht: Nein, vielen Dank, unsere 2RadReise ist in finanziell trockenen Tüchern und wir müssen noch kein Pfand aus Mülleimern sammeln um den Heimweg hungerfrei zu überstehen. Trotzdem vielen Dank für das Angebot 🙂

Wenn euch in den nächsten Wochen also ein Pino mit gelbem Lastenanhänger irgendwo begegnen sollte: ABSTAND HALTEN. Es könnte leicht sein, dass zwischen dem Ausruf „PANT!!!“ und dem zugehörigen Nothalt nur Sekunden liegen. Wir kümmern uns dann um den Müll 🙂

Originell, wie manche Zeitgenossen ihren Müll und ihr Pant heimlich entsorgen und verstecken… aber wir finden alle!

Weiter mit „Trondheim – Øysand – Melhus – Gaula-Tal“

Die Diashow dieser Etappen:

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Unsere Etappen in der Übersicht

Die Hinreise zum Nordkapp

Vom Nordkapp nach Tromsø

Troms - Vesteralen - Lofoten

Bodø - Trondheim

Trondheim - Südnorwegen / Halden

Schwedische Westküste

Deutschland Nordost-Südwest: Usedom bis Bodensee

Frankreich Ost-West: Mulhouse - Nantes - Eurovelo 6

Frankreich Atlantikküste: St. Nazaire - Biarritz - Eurovelo 1

Spanien: Atlantik und Jakobsweg