Ein Lebenstraum von Nord nach Süd

Kongsvinger – Vekterveien – Halden, Abschied aus Norwegen

Ausgeruht -wir haben ja einen kompletten Ruhetag auf dem Campingplatz bei Kongsvinger verbracht- geht es am Mittwoch vormittag wieder auf die Straße. Neben der vielbefahrenen E2 führt die alte Bezirksstraße komplett ohne Autoverkehr parallel durch eine waldige und sumpfige Gegend bis wir in der Ortschaft Matrand unsicher werden wie die Straße weiterführt.

Es sind nur rund 5 Kilometer nach Skotterud und unser Navi zeigt uns zwei Straßenmöglichkeiten, diese nächste Ortschaft anzufahren. Und zwischen diesen beiden Straßen führt noch ein Waldweg, der mit dem Schild „Vekterveien“ bezeichnet ist: Wir sind elektrisiert von dem Weg und fühlen uns spontan an Bahntrassen erinnert, auf denen wir schon halbe Urlaube verbracht haben und entscheiden uns dafür, diesen Weg einzuschlagen.

 

Kennt ihr das Gefühl, einen unsicheren oder falschen Weg weiter zu verfolgen, nur weil Umdrehen unbequem erscheint? Sich immer tiefer in den Matsch zu reiten, weil man denkt, es könne eh nicht schlimmer kommen? Ok, diese Lektion kommt für uns jetzt… aus der wir aber bisher noch nie gelernt haben:

„Unser“ Weg beginnt wirklich toll, wir fahren auf gutem, festem Belag mitten durch den Wald. Ganz alleine, gemütlich, viel Zeit, nach rechts und links in den Wald und zum Bach zu schauen. Das erste Hindernis ist dann eine Wegschranke, bei der die Erbauer die übliche fahrradbreite Lücke vergessen haben. Geht aber ganz gut, einige Spuren gehen an der Schranke vorbei und wir schaffen es auch mit etwas Mühe, das Pino an der Schranke vorbeizuwuchten.

Der Belag ist weiterhin prima und die Strecke fast eben, das muss früher wirklich eine Bahnlinie gewesen sein. Bis zur zweiten Prüfung: Die Streckenführung biegt jetzt von der ebenen Linie ab, der Weg wird zum einspurigen Single-Trail und es geht kurz später auf einer 15%er Steigung nach oben. Hatten wir was von tiefer reinreiten gesagt? Jepp, machen wir: Ohne zu wissen, wie es wohl später weitergeht entscheiden wir uns für „Weitermachen“ statt umzukehren und quälen uns den 15%er schiebend nach oben.

Ein bisschen ausschnaufen, dem Single Trail weiterfolgen, nächste Prüfung: Der Single Trail führt jetzt per Holzplanken über sumpfige Flächen weiter.

Klar ist diese Prüfung easy zu meistern, klar können wir uns ganz einfach noch ein bisschen tiefer reinreiten. Auf zur nächsten Prüfung… Immerhin hat der Singletrail jetzt rechts und links leckere, reife Himbeeren und beschert uns eine angenehme Pause.

Dafür kommen direkt danach zwei Wellen mit 20% hoch und 20% runter, was uns glatt an die Grenzen unserer Schub-/Schleppmöglichkeiten bringt. Hätten wir umdrehen sollen? Eh schon viel zu spät oder?

Nächste Prüfung, man kann sich ja steigern: Jetzt, drei Kilometer nachdem wir zum ersten Mal hätten umdrehen können (Schranke), hört der Single-Trail auf und mündet in eine Holztreppe, die in zwei Serpentinenknicks 80 Stufen nach unten führt. Klasse gemacht, damit dürfte der Tiefpunkt im Matsch erreicht sein.

Eigentlich hat die Treppe sogar eine Planke, um ein Rad zu schieben, aber unser Pino ist halt kein Rad sondern ein Lastengespann mit guten einhundert Kilogramm… und die Kehrtwenden in der Treppe sind für unsere Lastzuglänge von 3,5 Metern etwas eng geraten.

Diese Aktion -Umkehren wäre natürlich doof gewesen- kostet und dann fast eine Stunde, in der wir das Pino zentimeterweise nach unten bremsen und in den Serpentinen stückchenweise ums Eck wuchten. Tina Vornesitzer darf abwechslend vorne an den Pedalen und hinten am Hänger anheben… aber irgendwann sind wir unten. Und haben uns ein Vesper verdient. Denn der Weg geht jetzt -zum Glück- bahntrassenartig weiter.

Vermutlich fallen wir auf solche Wege wieder mal rein, aber für heute sind wir bezüglich erlebter Abenteuer eigentlich bedient und nehmen ab jetzt lieber die Straßen, die auch auf unserer Karte eingezeichnet sind. So folgen wir für 10 Kilometer der RV21 nach Westen bevor wir wieder auf eine kleine Straße, FV322, abbiegen um in einem großen Schnörkel nach Bjørkelangen zu fahren und dort einkaufen.

 

Ein wilder Übernachtungsplatz wäre heute richtig, wir sind jetzt mit Frischwasser und Proviant für zwei Tage ausgerüstet, die Suche kann beginnen. Und weitergehen. Und nervig lange weitergehen.

Rund 20 Kilometer geht das so: Die meisten Waldwege haben Briefkasten und Mülleimer stehen und scheiden als Übernachtungsplatz aus, die anderen Wege geben keine ebene Fläche für einen Zeltplatz her. Ziemlich genervt sind wir kurz davor, 15 Meter neben der Straße in einem feuchten Wald unser Zelt einzupinnen, entscheiden uns aber doch für weiterfahren und weitersuchen.

Unser Glücksfall: Nicht viel später sehen wir ein Paar, wie sie ihren Schuppen direkt neben der Straße streichen und fragen sie in unserer Verzeiflung, ob sie einen möglichen Zeltplatz auf den nächsten Kilometern wüssten. Die beiden unterhalten sich kurz auf norwegisch miteinander und… bieten uns ihre Hütte am See für die Übernachtung an!!!

Wir freuen uns riesig über diesen Zeltplatz neben der Hütte, die beiden sind aber wirklich extrem gastfreundlich: Nicht nur, dass sie uns Schlafzimmer, Toilette in ihrer Hütte aufschließen, sie schalten uns das Wifi ein und stellen uns noch zwei Dosen kaltes Bier auf die Terasse. Genial!!! Wir unterhalten uns noch den halben Abend mit Hilde und Halvor über die Natur und Tiere der Gegend, bis uns der Regen zum Zelt vertreibt und wir eine ganz tolle Nacht direkt am See verbringen.

THANK YOU VERY MUCH, Hilde and Halvor, your hospitality was a really great experience for us and we did enjoy the evening with you as well as the camping site close to your cabin quite a lot!!!

Ein genialer Ausklang für den Norwegenabschnitt unserer Reise, ab jetzt kommen viele „zum letzten Mal“ Sachen auf uns zu.

Zum letzten Mal fahren wir die norwegen-typisch welligen Straßen über Ørje und Fossby nach Halden, gehen zum letzten Mal in Halden in eine Statoil-Tankstelle um unseren letzten Gratiskaffee abzuholen.

Wirklich wehmütig fahren wir von Halden aus zur Svinesundbrua über den Svinesund-Fjord, der hier die Grenze zu Schweden darstellt und machen hier noch einen ausgiebigen Stopp.

Unser Tacho zeigt jetzt 3331 Kilometer mit 37.990 Höhenmetern, die wir in einem wunderschönen Land zurückgelegt haben -vermutlich ein Drittel unserer gesamten Reisestrecke haben wir damit in Norwegen erstrampelt. Norwegen wird uns in bester Erinnerung bleiben: Vor allem der Norden Norwegens mit den Inseln von Tromsö bis zu den Lofoten bietet unglaublich schöne Landschaften und Eindrücke, die auf Bildern fast nicht festzuhalten sind. Die Menschen in Norwegen haben wir als extrem entgegenkommend, offen, hilfsbereit und freundlich kennengelernt. Vermissen werden wir auch den Respekt, den Autofahrer uns hier entgegengebracht haben. Wie oft haben uns wildfremde Menschen aus den Autos entgegengewunken, uns freundlichst Vorfahrt gewährt, wo wir gar keine gehabt hätten. Und den Abstand, mit dem uns Auto- und LKW-Fahrer typischerweise überholt haben -typischerweise weit über einen Meter… diese Gelassenheit würden wir uns für den Rest unserer Europareise auch gerne wünschen.

Norwegen: Wir werden wiederkommen, ob mit Rad oder mit vier Rädern. Hauptsache NORD-Norwegen 🙂

Weiter mit „Halden – Göteborg: Nordseeküstenradweg in Schweden“

Die Fotogallerie dieser Tage:

Unsere Etappen in der Übersicht

Die Hinreise zum Nordkapp

Vom Nordkapp nach Tromsø

Troms - Vesteralen - Lofoten

Bodø - Trondheim

Trondheim - Südnorwegen / Halden

Schwedische Westküste

Deutschland Nordost-Südwest: Usedom bis Bodensee

Frankreich Ost-West: Mulhouse - Nantes - Eurovelo 6

Frankreich Atlantikküste: St. Nazaire - Biarritz - Eurovelo 1

Spanien: Atlantik und Jakobsweg