Ein Lebenstraum von Nord nach Süd

Neustart nach Westen: EV6 Mulhouse – l’Ile sur Doubs

Kilometerstand 5533, Standort Neuenburg, direkt vor der deutsch-französischen Grenze. Udo Hintensitzers Eltern haben uns vom Bodensee bis hierher gefahren damit wir ein paar Radeltage einsparen -und gegen spätere Ruhetage in Frankreich oder Spanien eintauschen können.

Ein bisschen aufregend ist die Fahrt über die Rheinbrücke schon. Wir versuchen, mit diesem Sprung in unser fünftes Reiseland, Frankreich, auch unsere Alltagsgedanken abzuwerfen.
Die drei Tage zu Hause waren so voll mit alltäglichem, die Brötchengeber von Vorne- und Hintensitzern waren geistig so nah wie vor unserer 2RadReise, so dass es nicht ganz einfach fallen wird, wieder in den entspannten Modus einer Langzeitreise zurückzufallen.
Tina Vornesitzer macht noch Fotos von der Rheinüberquerung, danach müssen wir uns schon um die Navigation von Neuenburg zum Eurovelo 6 kümmern:

Unsere Reise durch Frankreich wird das Land zuerst von Ost nach West bis zum Atlantik durchqueren und dabei dem Eurovelo 6, später dem Loire-Radweg (Teil des EV6) bis nach Nantes folgen. Danach stehen gute 800 Kilometer entlang der Atlantikküste nach Süden auf dem Plan, wo wir dem ensprechenden Abschnitt des Eurovelo 1 bis zur spanischen Grenze folgen werden.

 

Der Weg zum Eurovelo 6 führt uns über die Landstraße D108 und nordet uns gleich auf den französischen Umgang mit Radfahrern auf gut befahrenen Straßen ein.

Unsere Radfahrerrechte lauten hier: Mach Dich schmal und rechne nicht damit, dass Autos außer zu blinken auch noch ausscheren könnten.
Nach nervenden 7 Kilometern auf dieser D dürfen wir dann endlich zum Rhein-Rhone-Kanal abbiegen, unserem Einstieg auf den französichen Eurovelo 6 und unserem Einstieg auf viele Kilometer entlang französischer Kanäle.

Die Tagesetappe ist dann auch relativ kurz, wenig später durchqueren wir Mulhouse entlang des Kanals und laufen auf dem Camping de l’Ill ein. Ein bisschen bedrohlich wirkt es schon: Der Campingplatz -wie so viele Großstadtcampingplätze- ist durch ein mächtiges Stahltor und Umzäunung geschützt. Wollen die uns daran hindern, nachts raus zu gehen oder wollen die nachts Niemanden mit bösen Absichten reinlassen? Vermutlich Zweiteres.

Der Campingplatz bietet einen Baguette-Service für seine Gäste an, stilrichtig frühstücken wir natürlich ein Baguette mit (Donautal-)honig und Pain-au-Chocolat, getunkt in unserem Milchkaffee. Außerdem versuchen wir hier noch, unser Zelt morgens TROCKEN in seinen Packsack zu bekommen und lassen uns deshalb Zeit mit dem Frühstück.
Was uns jetzt noch nicht ganz klar ist: Das nasse Zelt im Packsack wird ab jetzt unser ständiger Begleiter. Auch wenn wir tagsüber noch echte Sommerhitze genießen schlägt sich nachts der Tau innen und außen auf der Zelthaut nieder und will und will morgens nicht trocknen.

Das Zelt ist dann halbtrocken auf dem Anhänger, das Stahltor des Campingplatzes ist offen, Udo Hintensitzer brüllt das „Aufsitzen“-Kommando und es geht los in den zweiten Frankreichtag.
Es geht am „Canal du Rhone au Rhin“ entlang und schon nach ganz kurzer Zeit überwiegen grüne Wiesen und kleine Ortschaften, wir verlassen das Ballungsgebiet Mulhouse. Nachdem der Rhein-Rhone-Kanal auf den allerersten Metern noch wie ein riesiger Industriekanal gewirkt hatte ist er jetzt zum kleinen, pittoresken Kanälchen gewandelt, der sich seine wenigen Höhenmeter mittels vieler Schleusen erkämpft.

Zwischendurch sieht man vom Radweg aus gleichzeitig den Fluss Doubs und den Kanal, natürlich auf unterschiedlichem Höhenniveau. Gibt einem ein Gefühl dafür, welchen planerischen Aufwand die Kanalbauer in den letzten Jahrhunderten treiben mussten um die vielen Kanäle Frankreichs zu bauen.

In den nächsten Tagen sehen wir dann viele Vögel entlang der Flüsse, drei Arten schaffen es leicht, das Bild zu dominieren: Fischreiher, Eisvögel und Angler.

Am meisten sieht man natürlich die Fischreiher, die hier als Graureiher, Silberreiher oder Kuhreiher alle paar Kilometer stehen und auf unvorsichtige Fische in der Nähe ihrer Füße warten.

Dazu sehen wir wirklich Mengen von Eisvögeln an den Kanälen, leider immer nur in ihrer typischen Bewegung: pfeilschnell und flach über das Wasser rasend. Man erkennt sie immer an der strahlend blauen Farbe ihrer Flügel bevor sie durch die Bäume abhauen.
Leider sehen wir sie nicht ein einziges Mal sitzend und sind viel zu langsam um beim Vorbeifliegen zu fotografieren.

Naja, und dann noch die Angler. Wir können uns nicht so richtig vorstellen, wie die Fische aus dem teilweise doch sehr milchigen Wasser wohl schmecken könnten. Hochgerüstet, wie die Angler hier sind, müssen die Kanalfische trotzdem etwas Besonderes haben.
Manche Angler sitzen hier mit 4 und mehr Angeln gleichzeitig am Wasser, haben aufwändige Halterungen für ihre Angeln aufgebaut und scheinen mitsamt Zelten oft ganze Wochenenden am Wasser zu verbringen. So lange halten wir es nicht an einer Stelle aus, wir fahren weiter bis Ile sur Doubs zum Campingplatz.

Als wir auf diesem Platz aufschlagen ist schon eine Gruppe der Lanzfreunde Odenwald mit drei Traktoren und zwei Unimogs auf dem Platz. Sie kommen von ihrer Partnerstadt zurück und haben ähnliche Längen in den Tagesetappen wie wir. Nur, dass sie -zumindest teilweise- Ohrenschützer während der Fahrt tragen müssen, was uns am Kanal erspart bleibt.

Gerade mal einen Tag vorher hatten Hinten- und Vornesitzers eine Diskussion über diese Art der Fortbewegung. Udo Hintensitzer hat ein enormes Faible für halbantike Maschinen, die richtig Krach machen, noch richtig nach Schmieröl riechen, gerne mehr Hubraum als Geschwindigkeit haben dürfen und auf jeden Fall echte Handarbeit in der Bedienung benötigen dürfen.

Klar, heute haben wir noch genügend Kraft in den Beinen um das Tandem zu bewegen.
Aber falls wir mit 65+ nochmal eine Reise Nordkap-Gibraltar machen wollen plädiert Udo Hintensitzer für die Version antiker Traktor -Lanz oder Ursus- in Kombination mit einem Bauanhänger. Jedenfalls muss der Traktor per Lötlampe und Muskelkraft zu starten sein, darf nur einen Zylinder haben und man muss den Bumms der Zündung am Hintern spüren können.
Und dazu einen Bauwagen mit einem Holzofen zum Heizen und kuscheligem Schlaf-/Wohnraum-/Küche… mal schauen, vielleicht wird das dann zum 8RadReise Blog.

Nach dem Zeltaufbauen in Ile sur Doubs geht Udo Hintensitzer noch auf die Jagd. Ein Einweggrill sollte es sein, wir haben uns im Supermarkt Leckereien zum Grillen gekauft.
Zum Glück kann man das Pino auch alleine fahren, so kann Tina Vornesitzer sich in der Zwischenzeit um Innenzelt und Luftmatratzen kümmern.

Ernüchternd. Abends um viertel nach sieben hat der Bricomarche geschlossen, die Einzelhändler sowieso. Und Aldi Nord wie auch LIDL haben keine Einweg-Grills im Angebot. Einerseits finden wir das schade, auf der anderen Seite haben wir auf die Art wieder ein besonders entspanntes Abendessen mit unserem winzigen Grillpfännchen: Zwischen dem ersten fertiggegrillten Fleisch und dem letzten Würstchen liegen runde zwei Stunden und eine ganze Flasche Wein. Vermutlich sind wir spätestens bei der letzten Grillwurst im Modus „Langzeiturlaub“.

Weiter mit „l’Ile sur Doubs – Kanalradwege – Pagny“

Die Bildergallerie des Tages:

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Unsere Etappen in der Übersicht

Die Hinreise zum Nordkapp

Vom Nordkapp nach Tromsø

Troms - Vesteralen - Lofoten

Bodø - Trondheim

Trondheim - Südnorwegen / Halden

Schwedische Westküste

Deutschland Nordost-Südwest: Usedom bis Bodensee

Frankreich Ost-West: Mulhouse - Nantes - Eurovelo 6

Frankreich Atlantikküste: St. Nazaire - Biarritz - Eurovelo 1

Spanien: Atlantik und Jakobsweg