Ein Lebenstraum von Nord nach Süd

Pagny – Chagny – Digoin – Nevers

Der Campingplatz -man sollte ihn wahrscheinlich eher Campingplätzchen nennen- liegt heute morgen noch schön im Schatten der hohen Bäume. Das ist auch gut so: Wir hatten in den letzten Tagen schon wirklich heißes Reisewetter, aber heute und morgen stehen die heißesten Tage des Jahres vor uns, der Wetterbericht kündigt uns 35°C an.

Unser Mitleid des Tages gehört auch deshalb schon nach ein paar Kilometern einem französischem Ehepaar, das hier auf der Straße läuft und einen üppig ausgebauten Kinderwagen schiebt.
Neugierig halten wir an: Schon häufig haben wir so ausgestattete Angler auf dem Weg zu ihrem Revier gesehen, aber an diesem Wagen hängen Reservereifen. Das riecht eher nach spannender Geschichte denn nach Anglerlatein.

 

Stellt sich dann auch so heraus. Die beiden sind erfahrene Wanderer und haben diesen Wagen schon durch so manche Ecken von Frankreich geschoben.
Aktuell sind sie auf unserer Strecke, dem Loire-Radweg unterwegs, ganz am Ende ihrer 800-Kilometer-Reiseplanung wollen sie ihren Wagen in Saint Nazaire parken.

Da wo auch wir auf den Atlantik treffen und auf den Eurovelo 1 nach Süden abbiegen wollen. Wir unterhalten uns über die Reisepläne und Erlebnisse, aber hier in der Sonne wird es uns Vieren bald zu heiß. Wir radeln, die beiden schieben weiter.

 

Nach wie vor folgen wir noch auf weiten Teilen der Strecke französischen Kanälen. An Schleusen wundern wir uns manchmal, wie die großen Schiffe hier so zentimetergenau reinpassen, aber auch den Skippern scheint die Mittagshitze heute nicht zu gefallen.

Insgesamt sind recht wenige Hausboote unterwegs, unsere Suche nach potentiellen Mitfahrgelegenheiten erledigt sich damit praktisch von selbst, an Schleusen auf Schiffe zu warten bietet sich absolut nicht an.

 

Die 2RadReise-Mittagspause fällt dann geschickt auf ein Seefreibad mit schönem Baumschatten. Interessanterweise sind wir hier allerdings komplett alleine und der Badesee ist mit „Baignade interdit“ -Baden verboten- komplett abgesperrt.
Bleibt zu klären, ob das die französische Art ist, die Verantwortung für das Ableben potentiell Ertrinkungswilliger auf selbige zu übertragen weil der Strand nicht überwacht ist? Oder dass gefährliche Tiere im See sind? Oder dass der See eben doch auch schon umgekippt ist und das Wasser nicht mehr badetauglich ist?

Bleibt ein Geheimnis der Gemeinde, allzu einladend ist der etwas vermüllte Badestrand eh nicht, wir fahren nach dem Mittagessen ungebadet weiter.

 

Dafür sehen wir nicht viel später eine Nutria beim Baden im Kanal, die sich von uns kaum stören lässt. Ole Isbjørn ist jedenfalls fasziniert von dem Tier und seinen orangefarbenen, erschreckend scharfen Zähnen, diese Tiere kennt er von Norwegen nicht.

 

Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir bei der französischen Stadt Digoin die Kanalbrücke, wo der Canal du Centre über die Loire führt und Schiffe auch mal über Brücken fahren dürfen.
Solche Stellen sind schon beeindruckend, diese Brücke wurde schon 1834 gebaut und wird immer noch genutzt und gebraucht.

Die Nacht verbringen wir dann auf dem Campingplatz in Digoin… umgeben von einem hohen Zaun. Entweder wollen die uns wegsperren oder uns vor irgendwas schützen, wieder ein ungelöstes Geheimnis auf unserer Strecke.

 

Am nächsten Morgen sitzen wir auf diesem Campingplatz und schauen uns vor dem Etappenstart die Landkarte genauer an: Wir wollen die Mittagshitze unbedingt mit einer Pause überbrücken und nicht ganztägig in der Sonnenhitze radeln. Das gelingt uns dann auch ganz gut, in Pierrefitte-sur-Loire können wir schon nach 18 Tageskilometern wieder in ein gespenstisch menschenleeres Freibad.

Udo Hintensitzers Französischlehrer hatten schon vor über 30 Jahren von der Urlaubszeit in Frankreich erzählt, wir kennen das auch aus früheren Frankreichurlauben. Im Juli und August fahren praktisch ALLE Franzosen in Urlaub, alle Strände und Urlaubsgebiete sind überfüllt. Macht aber nichts, im September löst sich diese Überfüllung schlagartig, weil alle Franzosen auch gleichzeitig heim fahren und die Urlaubsgebiete wieder freigeben.

So ist es auch hier am See, wir sind komplett alleine in der Mittagshitze, können uns den schönsten Baumschatten aussuchen und überlegen ausgiebig, ob wir uns von den hiesigen „baignade interdit“ Schildern abschrecken lassen.
Lassen wir nicht, wir gehen in der dreistündigen Mittagspause zweimal im erfrischenden -aber schon etwas erdig riechenden- See zum Baden bevor wir die letzten Kilometer nach Bourbon-Lancy auf einer früheren Bahntrasse radeln.

 

Heute abend gibt es wieder unser Lieblingsessen in Frankreich: Dickes Rumpsteak, angebraten in unserem Mini-Pfännchen. Dieses Abendessen macht uns so richtig Spaß. Zwar dauert es wieder fast zwei Stunden bis alle vier Steaks gebraten sind, dafür kann man neben so einer Bratorgie auch toll Rotwein schlürfen und ganz gemütlich in Gängen essen. Nur dass es zu jedem Gang dasselbe gibt: Pro Person ein halbes Rumpsteak mit Steaksoße und Brot.

Bei diesen Gelegenheiten spielt auch unser Holzkocher Solo Stove seine großen Stärken aus: Sein Brennstoff Holz ist für Camper unerschöpflich und es ist dem Kocher vollkommen egal, ob er 10 Minuten oder 2 Stunden lang heizen soll. Mit Gas würde man so etwas nie so ausgiebig kochen, da müsste man im Supermarkt zusätzlich zum Rumpsteak auch die Gasdosen auf Vorrat kaufen.

 

Unsere Weinflasche ist heute noch randvoll, und so fragen wir die radfahrenden Campingplatznachbarn -heute ein deutsches Paar aus dem Allgäu und zwei französische Alleinradler- ob sie noch mit uns auf ein Glas Wein zusammen sitzen wollen. Die beiden Einzelradler zeigen leicht autistische Züge und wollen lieber ihre Ruhe haben, mit dem Paar aus Sonthofen, Michaela und Hubert, entwickelt sich ein richtig toller Abend.

Wir reden über Nordkap-Radtouren (Hubert war vor zwei Jahren per Rad dort oben), über die Reiseziele, über Freizeiten und darüber, dass es Zeitpunkte im Leben gibt, in denen man sich neu orientieren möchte.
Wir haben es recht lustig, bis die Flasche sich zu Ende neigt und bis sich einer der französischen Zeltnachbarn kurz nach 10 Uhr in aller Freundlichkeit nach etwas mehr Nachtruhe erkundigt. Zumindest deuten wir sein schwer verständliches Gebrüll aus seinem Zelt als freundliche Bitte, die nur bedingt durch reduzierte soziale Kontaktaufnahmemöglichkeiten etwas rustikal bei uns ankam.

Jedenfalls trinken wir den letzten Tropfen Wein aus und gehen ins Zelt, belästigen wollen wir ja auch niemanden.

 

Die nächste Tagesetappe soll uns dann über 90 hügelige Kilometer nach Nevers führen, wo wir endlich wieder einmal einen echten Ruhetag einlegen wollen. Es soll nicht mehr ganz so heiß werden, sogar Wolken und etwas Regen ist für den Abend angesagt.

 

An diesem Tag lernen wir wieder ein anderes Stück Frankreich kennen: Die hügelige Landschaftsform erinnert an das Allgäu, allerdings sind die Wiesen nicht durch Elektrozäune sondern häufig durch kleine Mäuerchen oder Hecken begrenzt.
Es gibt wenig Landwirtschaft mit intensivem Mais- oder Getreideanbau, dafür werden die Wiesen für die berühmten Rinder genutzt. Milchvieh ist das nicht, von diesen Wiesen kommt unser leckeres Rumpsteak von gestern abend. Vielleicht sollten wir doch nochmal über das mit dem Vegetarier werden nachdenken.

Die Beschilderung des Eurovelo 6 ist auf diesem Streckenteil nicht ganz so toll, was darin gipfelt, dass wir an ein und derselben Stelle zweimal vorbeikommen… nur mit 10 Kilometern und 40 Minuten Unterschied. Während die Anwohner sich über das zweite Auftauchen unseres lustigen Gefährts wundern ärgern wir uns über 10 Kilometer Umwege. Dumm gelaufen… ähhh gefahren.

Pünktlich zur Mittagspause verabschiedet sich der hintere Schaltzug des Pino zum zweiten Mal und beschert uns Arbeitsteilung während die Wolkendecke schon allmählich dichter wird: Udo Hintensitzer darf sich beim Schaltzugtausch ölige Finger holen, Tina Vornesitzer deckt den Tisch an dem Flussrastplatz direkt an der Loire.

 

Wieder zur Dämmerung erreichen wir das Etappenziel Nevers, wo wir auf einem Campingplatz gegenüber der Altstadt Nevers bei jetzt ziemlich dunklen Wolken einchecken. Den Platz für unser Zelt suchen wir heute auch nach der Geländeform aus, der Himmel wird immer düsterer und wir wollen bei Regen ja nicht in der tiefsten Wanne des Geländes stehen.

Überhaupt wird das heute eine Punktlandung ersten Grades: Wir haben das Zelt aufgebaut, die ersten, vereinzelten Tropfen fallen. Udo Hintensitzer spannt das Zelt fertig ab, Tina Hintensitzer hängt das trockene Innenzelt ein, wir hören den ersten Donner. Jetzt nur noch die Taschen ins Vorzelt und die Schlafsäcke ins Innenzelt und ZACK: Exakt pünktlich mit dem Schließen des Zeltreissverschlusses zeigt uns das Wetter, wie so ein richtiges Gewitter mit Wolkenbruch abgeht.
Lachend über diesen Dusel packen wir unser Vesper heute im Innenzelt aus und wagen uns erst wieder beim Nachlassen des Regens für einen Spaziergang in die Stadt nach draußen.

Am Ruhetag in Nevers schauen wir uns die Altstadt und die Kathedrale ausgiebig an, schreiben ein/zwei Postkarten und eine Blogseite. Die Sonne traut sich schon wieder raus und macht Lust auf den nächsten Reisetag.

 

Weiter mit „Loire-à-velo 1: Nevers – Chateauneuf-sur-Loire“

Die Fotogalerie der Reiseetappe:

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Unsere Etappen in der Übersicht

Die Hinreise zum Nordkapp

Vom Nordkapp nach Tromsø

Troms - Vesteralen - Lofoten

Bodø - Trondheim

Trondheim - Südnorwegen / Halden

Schwedische Westküste

Deutschland Nordost-Südwest: Usedom bis Bodensee

Frankreich Ost-West: Mulhouse - Nantes - Eurovelo 6

Frankreich Atlantikküste: St. Nazaire - Biarritz - Eurovelo 1

Spanien: Atlantik und Jakobsweg